
GEDANKEN &
HINWEISE
Erklärungsansätze - Pferdegestützte Therapie
Viele Menschen fragen sich, was pferdegestützte Begleitung eigentlich bewirkt. Meine Erfahrung ist: Die wichtigsten Prozesse lassen sich nicht erzwingen – aber sie entstehen, wenn ein sicherer Raum da ist. Die Arbeit mit den Pferden beginnt oft schon beim Ankommen im Stall. Wie geht es dem Pferd, womit ist es beschäftigt, was braucht es gerade und wie trete ich in Kontakt mit ihm? Bereits hier entsteht Begegnung – nicht über Worte, sondern über Wahrnehmung, Körpersprache und innere Haltung.
In der pferdegestützten Arbeit können Veränderungsprozesse im Menschen gezielt angeregt und im Anschluss gemeinsam reflektiert und begleitet werden. Dabei wird vor allem das nonverbale Erfahrungssystem angesprochen, also die Ebene von Körper, Emotion und unmittelbarer Wahrnehmung. Pferde kommunizieren selbst über Körpersprache und reagieren sehr direkt auf innere Zustände. Diese Form der Interaktion kann dabei unterstützen, sich selbst bewusster wahrzunehmen und eigene Muster im Kontakt mit anderen besser zu verstehen.
In der Arbeit mit den Pferden können sich unter anderem folgende Dinge entwickeln: mehr Selbstwahrnehmung, ein besseres Gespür für eigene Grenzen, innere Ruhe und Regulation sowie neue Beziehungserfahrungen. Auch Selbstwirksamkeitserfahrungen spielen eine zentrale Rolle – also das Erleben, dass das eigene Handeln Wirkung hat und Einfluss auf eine Situation nimmt. Dadurch können Selbstvertrauen und innere Stabilität gestärkt werden.
Ich begleite diesen Prozess, indem wir gemeinsam reflektieren, was in der Interaktion mit dem Pferd erlebt wurde und welche Gefühle oder Reaktionen dabei entstehen. Pferde reagieren unmittelbar und ehrlich auf das, was im Moment da ist, ohne Bewertung oder Absicht. Genau darin liegt ihr besonderer Wert: Sie machen innere Zustände sichtbar, nicht über Worte, sondern über Verhalten, Distanz, Nähe und Reaktion.
Dabei können auch theoretische Grundlagen aus der Psychologie eine Rolle spielen, zum Beispiel Erkenntnisse aus der Bindungstheorie nach Bowlby und Ainsworth. Der Kontakt mit dem Pferd kann frühe Beziehungserfahrungen aktivieren und neue, sichere Beziehungserfahrungen ermöglichen – besonders im Hinblick auf Nähe, Vertrauen und Abgrenzung.
Anders als in vielen leistungsorientierten Settings steht bei mir nicht das Erreichen eines bestimmten Ziels im Vordergrund. Sondern die Erfahrung, einmal ohne Druck sein zu dürfen – und genau daraus entstehen oft die nachhaltigsten Veränderungen. Pferde sind dabei keine „Werkzeuge“, sondern eigenständige Wesen, deren Reaktionen den Prozess mitgestalten. Gerade diese Unplanbarkeit ist oft ein wesentlicher Teil der Erfahrung und kann sehr wertvoll sein.
Mein Verständnis von Relationship-Based Horsemanship
Schon in jungen Jahren habe ich gespürt, dass der klassische Umgang mit Pferden, wie ich ihn in vielen Reitschulen nach FN-Standard erlebt habe, nicht meiner inneren Haltung entspricht. Der Unterricht fühlte sich oft nicht wie gemeinsames Lernen an, sondern eher wie ein Kampf um Kontrolle. Pferde sollten sich „unterordnen“, eine bestimmte Kopfhaltung einnehmen oder durch Hilfsmittel wie Ausbinder in eine Form gebracht werden. Im Dressurunterricht stand häufig das präzise Abarbeiten von Aufgaben im Vordergrund. Dabei wirkte es auf mich oft so, als seien die Pferde entweder gelangweilt, innerlich aufgegeben oder sie reagierten mit Widerstand und Unruhe. Im Springunterricht zeigte sich ein ähnliches Bild: teilweise sprangen Pferde mit Angst und in überhöhtem Tempo, Fehler wurden korrigiert statt verstanden.
Ich möchte dabei niemanden verurteilen. Die Menschen, die ich damals erlebt habe, liebten ihre Pferde. Sie handelten nach dem Wissen und den Methoden, die ihnen zur Verfügung standen – geprägt von einer Zeit, in der autoritäre Ansätze auch im Umgang mit Tieren und Menschen selbstverständlich waren. Trotzdem habe ich früh gespürt: Es gibt einen anderen Weg.
In dieser Zeit fand ich erste Inspiration durch Bücher wie „Heartland“ von Lauren Brooke und die Arbeit von Monty Roberts, insbesondere das Join-Up. Auch ganzheitliche Ansätze wie die Begleitung von Pferden mit Bachblüten haben mich damals sehr berührt. Es war die erste Ahnung davon, dass Beziehung und Vertrauen wichtiger sein könnten als Kontrolle. Der wichtigste Rückzugsort jedoch war die einfache Zeit mit Pferden. Stundenlanges Putzen, Grasen gehen und einfach Dasein mit meinem Pflegepferd haben mich durch viele schwierige Phasen meiner Jugend getragen. Dort entstand meine erste echte Verbindung – jenseits von Reitmethoden.
Später in Berlin begegnete ich „Centered Riding“ nach Sally Swift. Plötzlich wurde das „Was“ in „Wie“ übersetzt. Innere Bilder und Körperbewusstsein veränderten meine Art zu reiten grundlegend. Die Kommunikation wurde feiner, klarer und partnerschaftlicher. Auch die Bodenarbeit nach Linda Tellington-Jones hat mich stark geprägt. Sie hat mir gezeigt, wie wichtig Berührung, Ruhe und Bewusstsein im Umgang mit Pferden sind. Doch noch fehlte mir ein roter Faden – ich hatte viele Puzzleteile, aber kein vollständiges Bild.
Dieser Zusammenhang wurde für mich greifbar, als ich in den USA erstmals intensiv mit Natural Horsemanship in Berührung kam – insbesondere durch Ansätze aus dem Umfeld von Pat Parelli, Ray Hunt sowie Tom und Bill Dorrance. Plötzlich ergab vieles Sinn: Warum steht der Mensch beim Longieren neutral in der Mitte? Warum folgt Bewegung einer klaren Kommunikation? Warum reagiert das Pferd so unmittelbar auf Körpersprache und Energie? Ich erkannte, dass es im Kern um eine für das Pferd verständliche Sprache geht. Wenn ich die Hinterhand bewegen möchte, richte ich meine Aufmerksamkeit dorthin. Wenn ich Raum einfordere, geschieht das über Präsenz statt über Kraft. Kommunikation wurde logisch, direkt und gleichzeitig respektvoll. Durch die Arbeit auf der Ranch mit Rindern wurde dieser Ansatz noch greifbarer: Pferde sind Partner in echter Arbeit – und dafür braucht es Klarheit, Vertrauen und gegenseitiges Verständnis.
Im Laufe der Jahre vertiefte ich mein Wissen durch zahlreiche Bücher und Weiterbildungen im Bereich Natural Horsemanship. Schon den Cowboys damals wurde immer mehr bewusst, dass es nicht um das „Brechen“ eines Pferdes geht, sondern um das Entwickeln einer gemeinsamen Beziehung. Gleichzeitig erkannte ich, dass auch im Natural Horsemanship oft noch ein Ziel im Mittelpunkt steht – eine Leistung, ein Ergebnis, ein „richtiges Verhalten“. Der Weg dorthin ist zwar feiner und pferdefreundlicher als in klassischen Systemen, bleibt jedoch häufig zielorientiert: unerwünschtes Verhalten wird so lange unattraktiv gemacht, bis das gewünschte Verhalten entsteht. Ich begann zu spüren, dass ich etwas Tieferes suche – nicht nur weniger Druck, nicht nur bessere Technik, sondern echte Beziehung.
Heute verstehe ich meinen Weg als „Relationship-based Horsemanship“ – und für mich ist das kein fertiges System, sondern ein lebendiger Entwicklungsprozess. Relationship-based Horsemanship ist für mich keine Technik, keine Übungsabfolge und keine Reitweise. Es ist eine innere Haltung – eine Philosophie, die in jede Form der Arbeit mit Pferden integriert werden kann. Sie beginnt nicht bei Werkzeugen wie Knotenhalfter oder Seilarbeit, sondern im Bewusstsein des Menschen. Im Zentrum stehen Vertrauen, Respekt und echte Kommunikation. Dabei ist mir wichtig: Beziehung bedeutet nicht grenzenlose Freiheit oder Beliebigkeit. Pferde brauchen Klarheit, Pferde brauchen Rahmen. Sie leben in einer vom Menschen geprägten Welt mit Straßen, Zäunen und Gefahren, die für sie nicht natürlich sind. Ein Pferd muss ein Nein verstehen können, und es braucht einen Menschen, der Verantwortung übernimmt. Für mich bedeutet das: Führung ist kein Widerspruch zu Beziehung, sondern Teil davon.
Ich sehe meine Rolle heute ähnlich wie die eines Erwachsenen gegenüber einem Kind – nicht im Sinne von Kontrolle, sondern im Sinne von Schutz, Orientierung und innerer Stabilität. Pferde brauchen diese Klarheit und Ich-Kraft des Menschen, um sich in einer komplexen Welt sicher bewegen zu können. Gleichzeitig bleibt die zentrale Frage: Wo beginnt echte Kommunikation? Wo darf ein Pferd „Nein“ sagen und gehört werden? Und wo ist es meine Aufgabe, klar zu bleiben, weil Sicherheit und Verantwortung es erfordern? Diese Spannung ist für mich kein Problem mehr, sondern ein wesentlicher Teil der Arbeit.
Auf meinem Weg durfte ich viele Menschen kennenlernen und unterschiedliche Ansätze studieren, die mein Verständnis weiter verfeinert haben: unter anderem Featherlight Horsemanship, Lockie Phillips – Emotional Horsemanship, Ben Atkinson Method, Trust Technique by James French, Ada Draghici – Equus Salutis, David Lichman, Amy Bowers, Linda Parelli mit ihrem „How to Talk Horse“-Programm, Karin Battaglia sowie die École de Légèreté oder Equus Empeiria by Dr. Nadine Lindblom haben meinen Blick erweitert. Was all diese Richtungen verbindet, ist der Versuch, dem Pferd mehr echte Optionen zu geben, feiner zu beobachten und genauer zu verstehen, was hinter einem Verhalten steht. Nicht nur: „Was soll das Pferd tun?“ Sondern auch: „Was möchte das Pferd sagen?“
Aus all diesen Erfahrungen entsteht für mich ein neues Verständnis von Arbeit mit Pferden: Eine Beziehung, in der das Pferd sich zeigen darf, in der es gehört wird – ohne dass die Führung verloren geht, und in der es Freude entwickeln kann an dem, was wir gemeinsam tun. Es geht um Räume, in denen Kommunikation möglich ist – in der Freiarbeit, im Alltag und im Training. Räume, in denen das Pferd nicht nur funktioniert, sondern beteiligt ist. Ich bin noch immer unterwegs auf diesem Weg. Aber ich bewege mich zunehmend hin zu einer Haltung, in der Beziehung nicht Mittel zum Zweck ist – sondern der eigentliche Kern der Arbeit mit Pferden.
Empfohlene Literatur:
Beetz, A., Riedel, M., & Wohlfarth, R. (Eds.). (2021). Tiergestützte Interventionen: Handbuch für die Aus-und Weiterbildung. Ernst Reinhardt Verlag.
Hediger, K., & Zink, R. (2020). Pferdegestützte Traumatherapie. Ernst Reinhardt Verlag.
Knapp, S. (2013). More than a mirror: Horses, humans & therapeutic practices. Horse Sense of the Carolinas.
Parelli, P., Kadash, K., & Parelli, K. (1993). Natural horse-man-ship. Colorado Springs, CO: Western Horseman.
